Auftaktveranstaltung „connectNRW – Geistes- und Gesellschaftswissenschaften verbinden“

Gruppenfoto beim Auftakt

Vorbei am Marionettentheater, hinein ins Palais Wittgenstein in Düsseldorf: Über 100 Interessenten fanden den Weg zur Auftaktveranstaltung zum Netzwerk connectNRW am 21. November 2016. Im Fokus des Kick Offs standen die Fragen nach den großen gesellschaftlichen Herausforderungen und dem Beitrag der Geistes- und Gesellschaftswissenschaften.

Holger Beckmann vom WDR moderierte durch die verschiedenen Programmpunkte: NRW-Wissenschaftsministerin Svenja Schulze begrüßte die zahlreichen Teilnehmenden und stand nach der Keynote von Professor Dr. Detlef Pollack von der Westfälischen-Wilhelms-Universität Münster in einem kurzen Interview Rede und Antwort. Im Mittelpunkt des weiteren Tagesverlaufs standen die Vorstellung des Netzwerks und verschiedene Impulsvorträge durch Vertreterinnen und Vertreter des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF), der Rheinischen-Friedrich-Wilhelms Universität Bonn und der Universität Siegen. Bei der anschließenden Diskussion tauschten sich Expertinnen und Experten auf dem Podium gemeinsam mit dem Publikum über die Perspektiven der Geistes- und Gesellschaftswissenschaften aus.

Inhaltliche Zusammenfassung

Svenja Schulze, NRW-Wissenschaftsministerin: Die Ministerin wies in ihrer Begrüßung auf die aktuellen Herausforderungen in der Gesellschaft hin und die Frage, wie wir leben wollen. Dass dabei Austausch und Kooperation von entscheidender Bedeutung sind, wird bereits in der Forschungsstrategie "Fortschritt NRW" deutlich. Hierbei spielen jedoch nicht nur technologische Entwicklungen eine Rolle - die Gesellschaft benötige darüber hinaus laut Schulze auch eine soziale, kulturelle, moralische und ethische Einordnung von dem, was Wissenschaft und Forschung ihr ermöglichen. Somit nehmen die Geistes- und Gesellschaftswissenschaften einen zentralen Platz ein, wie die Ministerin auch anhand von Beispielprojekten deutlich machte. Ein weiterer wichtiger Schritt sei der Start des Netzwerks connectNRW. Hier ist der Name Programm. Durch eine stärkere Vernetzung bereits bestehender und neuer Initiativen und Projekte will das Land NRW die Leistungen und Beiträge der Geistes- und Gesellschaftswissenschaften aus NRW noch sichtbarer machen. Daher rief Svenja Schulze alle Teilnehmenden dazu auf, sich aktiv in das neue Netzwerk connectNRW einzubringen.

Prof. Dr. Detlef Pollack, Westfälische-Wilhelms-Universität Münster: Der Professor für Religionssoziologie und Sprecher eines Exzellenzclusters befasste sich mit dem Thema der zunehmenden religiösen Vielfalt als Herausforderung des gesellschaftlichen Zusammenhalts in Deutschland. Hierbei betrachte er verschiedene Ebenen und beleuchtete Fragen wie z.B.: Ist das geltende Religionsrecht in der Lage, einen Ordnungsrahmen bereitzustellen, der das friedliche Zusammenleben unterschiedlicher Religionsgemeinschaften erlaubt? Wie hoch sind Integrationsbereitschaft und Toleranz in der Mehrheitsbevölkerung sowie in den Gruppen religiöser Minderheiten? In seiner Keynote stellte er u.a. Studienergebnisse zu der Wahrnehmung unterschiedlicher Religionen, aber auch zu dem Gefühl der Anerkennung und Integration und auf der anderen Seite der Diskriminierung vor.

Jennifer Striebeck, Koordinatorin connectNRW: Der Fokus des Netzwerks Geistes- und Gesellschaftswissenschaften connectNRW liegt klar auf der Stärkung der Geistes- und Gesellschaftswissenschaften in NRW: Dies betrifft die inter- und transdisziplinärer Forschung und wird sich unter anderem auf die Leitthemen der Forschungsstrategie Fortschritt NRW konzentrieren. Ziel ist, den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus NRW einen besseren Zugang und Austausch mit Praxisakteuren zu ermöglichen und die Vernetzung von unterschiedlichen Disziplinen zu befördern. Die Aktivitäten des Netzwerkes stützen sich dabei auf verschiedene Maßnahmen wie Workshops und Konferenzen, aber auch ein Onlineportal mit Informationen zu Akteuren und Fördermöglichkeiten wird zukünftig angeboten. Die Koordinatorin betonte den offenen und flexiblen Charakter des Netzwerks und lud alle Interessierten ein, sich aktiv an den Angeboten des Netzwerks zu beteiligen und eigene Ideen einzubringen.

MinR’in Sabine Eilers, BMBF: Die Referatsleiterin bemerkte, dass heutzutage der Anspruch an die Wissenschaft, den Nutzen ihrer Forschung zu begründen, wächst. Gerade in wirtschaftlich schwierigen Zeiten erwarte die öffentliche Hand Ergebnisse als Resultat der Forschungsförderung. Die großen gesellschaftlichen Herausforderungen würden auch in der nationalen Wissenschaftspolitik erfasst. Auf Bundesebene sei hier insbesondere die Hightech-Strategie zu nennen, welche dazu diene, Deutschland zum Vorreiter bei der Lösung globaler Herausforderungen zu machen. Eilers weist darauf hin, dass insbesondere auch auf EU-Ebene die Bedeutung der Geistes- und Sozialwissenschaften wächst: So werden z.B. beim EU-Forschungsprogrammen nicht mehr von „Grand Challenges“, sondern von „societal challenges“ gesprochen. Um die heutigen gesellschaftlichen Herausforderungen gemeinsam anzugehen, bedürfe es übergreifender Begleitmaßnahmen im Rahmen von moderierten Prozessen, in denen Wissenschaft und Praxis gemeinsam an Lösungen arbeiten. Genau hier sieht die BMBF-Vertreterin den Nutzen von connectNRW.

Prof. Dr. Caja Thimm, Rheinische-Friedrich-Wilhelms Universität Bonn: Die Professorin für Medienwissenschaft und Intermedialität machte in ihrem Impulsvortrag die Diskussion zwischen technischen Innovationen und wertebasierten Zielvorstellungen deutlich. Sie warf dabei zu Beginn provokant die Frage auf, wer wen kontrolliert und wer in der digitalen Landschaft Kultur bestimmt. Neue Medien böten natürlich neue Chancen, aber auch neue Formen von Macht und Einfluss. So bestünde die Frage, ob durch die sozialen Medien neue Öffentlichkeiten geschaffen werden oder eher eine neue Form der Isolierung und Fragmentierung. Auch unsere Umgebungen in Form von Wohnungen, Autos etc. stünden immer mehr unter dem Einfluss der Digitalisierung. Die digitale Zukunft gehe somit auch einher mit einer digitalen Werteordnung.

Prof. Dr. Dr. h.c. Carl Friedrich Gethmann, Universität Siegen: Als Mitglied des Deutschen Ethikrates und Professor am Forschungskolleg „Zukunft menschlich gestalten“ sprach Gethmann über die kollektiven Probleme von globaler Reichweite als Themen transdisziplinärer Forschung. Er betonte dabei, wie wichtig die Zusammenarbeit der Geistes- und Gesellschaftswissenschaften mit anderen Disziplinen sei, um umsetzbare Ideen zu entwickeln.

In der Podiumsdiskussion erläuterte er, dass es das falsche Modell sei, dass diejenigen, die am besten Bescheid wissen, auch einfach entscheiden sollen. Vielmehr sollten diejenigen, die über das Wissen verfügen, bedenken, dass die verantwortlichen Agierenden weitere Dimensionen zu beachten haben. Dr. Michael Kopatz vom Wuppertal Institut führte diesen Diskussionspunkt insoweit aus, dass wissenschaftliche Erkenntnisse im direkten Dialog erläutert und narrativ erzählt werden sollten. Er regte die Diskussion darüber an, dass nicht alleine wissenschaftliche Publikationen ausschlaggebend seien, sondern dass zusätzlich Produkte und Publikationen entwickelt werden sollten, die Lust machen, diese zu lesen.
Caja Thimm warb in dem Kontext auch dafür, mehr zivilgesellschaftliche Beteiligte in die Formate und Aktivitäten von connectNRW einzubinden. Bei dieser angeregten Diskussion beteiligten sich überdies Vertreterinnen und Vertreter von Hochschulen und Stiftungen aus dem Publikum. Insgesamt wurde deutlich: Trotz bestehender praktischer Hürden und auch offenen konzeptionellen Fragen, sind die Geistes- und Gesellschaftswissenschaften aus NRW offen für einen Austausch und die Vernetzung im Kontext dieser Fragen. Die Diskussionsrunde und die Anregungen aus dem Plenum lieferten somit viele Anknüpfungspunkte für den Aufbau und die Entwicklung des Netzwerks connectNRW.