Können Menschen ohne Religion leben?

Prof. Dr. Thomas Hauschild - Hans-Blumenberg-Gastprofessor

Der renommierte Ethnologe Thomas Hauschild wird neuer Hans-Blumenberg-Gastprofessor am Exzellenzcluster „Religion und Politik“ an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster. Noch im Juli findet eine Vortragsreihe zur „Unvermeidbarkeit von Religion“ statt. Foto: © Franziska Richter

Ob die Existenz von Religionen unvermeidbar ist, fragt der neue „Hans-Blumenberg-Gastprofessor“ Prof. Dr. Thomas Hauschild in einer öffentlichen Vortragsreihe am Exzellenzcluster „Religion und Politik“ der Universität Münster. In den Vorträgen untersucht der renommierte Ethnologe, „ob menschliche Kollektive letztlich ohne Religion leben können.“ Religionen beeinflussen nach Einschätzung des Wissenschaftlers „nach Jahrzehnten der Säkularisierung“ die Politik wieder so stark, dass sich die Frage nach ihrer Unvermeidbarkeit stelle. Der Wissenschaftler, der Mitglied der Heidelberger Akademie der Wissenschaften ist, plädiert vor diesem Hintergrund für Religionsforschung, die die subjektive Erfahrung religiöser Menschen ernst nimmt, ohne die Basis wissenschaftlicher Neutralität zu verlassen.

"Religionen besetzen Terrain zivilgesellschaftlichen Handelns"

Der Sprecher des Exzellenzclusters, der Religionssoziologe Prof. Dr. Detlef Pollack, unterstreicht, Thomas Hauschild sei „ein Ethnologe mit originellen Ideen“. Durch seine breit gestreuten Forschungsinteressen könne er „in besonderer Weise inspirierend für die interdisziplinären Forschungsarbeiten am Exzellenzcluster wirken.“ Die Ergebnisse seiner Feldforschungen und historischen Analysen seien für viele Fächer am Exzellenzcluster von hohem Interesse. „Das bietet Chancen für neue Wege des wissenschaftlichen Denkens über religiöse Sinnformen und Praktiken.“ Zu den Forschungsschwerpunkten des Blumenberg-Gastprofessors zählen die Unvermeidbarkeit von Religion, Geisterkulte, religiöse Reserven in imperialen Konsumgesellschaften und Religion bei IS- und Al-Qaida-Terroristen.

Hauschild hebt in seiner Forschung die Bedeutung „materialistischer Erklärungen für Religion, die naturwissenschaftliche und soziologische Argumente einbeziehen“ hervor. Diese seien umso wichtiger, so der Ethnologe, als „sie heute durch postmoderne Kritik und religiöse Selbstverständigung zunehmend verunsichert werden.“ Sie sollten aber innerhalb einer staatlichen Gemeinschaft „ohne allzu viel Reibung“ neben den Religionen bestehen können. „Es fragt sich, ob das gelingt, denn die Religionen besetzen mit ihren Empfindlichkeiten zunehmend das Terrain zivilgesellschaftlichen Handelns.“

Thomas Hauschild, 1955 in Berlin geboren, war zuletzt Professor für Ethnologie und vergleichende Kultursoziologie an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Fellowships und Gastprofessuren führten ihn unter anderem an das Internationale Forschungszentrum Kulturwissenschaften in Wien, das Wissenschaftskolleg zu Berlin und das Internationale Kolleg für Kulturtechnikforschung und Medienphilosophie in Weimar.

Weitere renommierte Forscher erwartet

In den kommenden Semestern werden weitere renommierte Forscherinnen und Forscher aus wechselnden Disziplinen auf die Hans-Blumenberg-Gastprofessur berufen. Der erste Hans-Blumenberg-Gastprofessor war im Sommersemester 2016 der Bochumer Historiker Prof. Dr. Lucian Hölscher, der sich in Münster mit dem Reformationsjubiläum 2017 und der protestantischen Frömmigkeitskultur in Deutschland befasste. Im Wintersemester 2016/2017 folgte der Würzburger Rechtswissenschaftler Prof. Dr. Horst Dreier, der am Exzellenzcluster die Herausforderungen des säkularen Verfassungsstaates untersuchte. Die britische Religionssoziologin Prof. Dr. Linda Woodhead ging, ebenfalls im laufenden Sommersemester, als Hans-Blumenberg-Gastprofessorin der Frage nach, inwieweit Konfessionslosigkeit die „neue Religion“ ist.

Weitere Informationen

www.uni-muenster.de/Religion-und-Politik/aktuelles/2017/jun/PM_Blumenberg_Gastprofessur_Thomas_Hauschild.html