Social Media in der zivilen Gefahrenabwehr: EU-Forschungsprojekt „EmerGent“ erfolgreich beendet

Handynutzung bei einem Notfall

Das europäische Forschungsprojekt „EmerGent“ (Emergency Management in Social Media Generation) der Universität Paderborn untersuchte den Einfluss von sozialen Medien wie Facebook oder Twitter auf Notfallsituationen. Nach drei Jahren Forschungsarbeit geht es nun erfolgreich zu Ende. Im Ausbildungszentrum der Feuerwehr Dortmund fand die Begutachtung durch Vertreterinnen und Vertreter der Europäischen Union (EU) statt, die für das Vorhaben insgesamt 3,3 Millionen Euro zur Verfügung gestellt hat.

Unter Koordination des Fachgebiets „Computeranwendung und Integration in Konstruktion und Planung“ (C.I.K.) hat die Universität Paderborn zusammen mit neun weiteren Projektpartnern die vielfältigen Einflüsse sozialer Medien – positiv wie negativ – auf die zivile Gefahrenabwehr erforscht. Konkret ging es bei dem Vorhaben darum, Menschen im Notfall für eine bessere Erfassung der Gesamtlage einzubinden, Betroffene bei ihrer Selbsthilfe zu unterstützen und freiwillige Helfer aus der Bevölkerung zu koordinieren.

Neben der Vorstellung der Forschungsergebnisse wurde eine Live-Demonstration des EmerGent IT-Systems auf dem Ausbildungsgelände der Feuerwehr Dortmund durchgeführt. Der Hintergrund: Für die Studien hat EmerGent eine Software entwickelt, die die automatische Auswertung von Daten ermöglicht. Ziel war es, die Kommunikation zwischen Bürgerinnen und Bürgern und Notfalldiensten, die mit riesigen Datenmengen einhergeht, zu untersuchen. Die Ergebnisse sind in die Erstellung von Handlungsempfehlungen zur Einbindung von sozialen Medien vor, während und nach Schadenslagen eingeflossen.

Handlungsempfehlungen für Bürger und Behörden

„Mit seinen Ergebnissen hat EmerGent einen direkten Einfluss auf die zukünftige Verwendung von sozialen Medien in der zivilen Gefahrenabwehr“, erklärt Prof. Dr. Rainer Koch vom C.I.K., der das Vorhaben koordiniert hat. „Aus der Projektarbeit resultieren diverse Handlungsempfehlungen für Bürger und Behörden, die den zunehmenden Wunsch beider Gruppen aufgreifen, soziale Medien verstärkt in die Gefahrenabwehr einzubinden.“ Die Empfehlungen zeigen Behörden wie Polizei oder Feuerwehr unter anderem, wie sie soziale Medien in ihre Prozesse einbinden und wie sie welche Informationen bestmöglich verbreiten. Dazu Koch: „Dabei wird insbesondere auf eine andauernde und intensive Interaktion gesetzt, um so die Informationen im Bewusstsein der Bürger zu halten. Bei den Handlungsempfehlungen für Bürger kommt es darauf an, wie sie mit den Behörden interagieren und welche Informationen sie selbst teilen sollten, insbesondere mit Blick darauf, die Behörden in ihrer Arbeit zu unterstützen und nicht zu hindern“.

Neben den Handlungsempfehlungen wird den Behörden eine gebrauchsfertige Software präsentiert, die der Analyse und Auswertung relevanter Daten aus den sozialen Medien dient. Mit dieser Software können die Behörden sehen, welche Informationen aktuell in ihren Zuständigkeitsbereichen veröffentlicht werden. Eine weitere Besonderheit der Software ist die Berechnung der Informationsqualität von Nachrichten aus sozialen Medien. Hier wird unter Berücksichtigung verschiedener Kriterien wie der Autorenglaubwürdigkeit ein sogenannter Informationsqualitätswert ermittelt.

„Ein Drittel der Bürger in Europa nutzt soziale Medien in Notfallsituationen“

„EmerGent hat gezeigt, dass soziale Medien in der heutigen Gefahrenabwehr einen immer wichtigeren Stellenwert bekommen. Durch den richtigen Einsatz kann das sogenannte Lagebild-Situationsbewusstsein verbessert werden. Unsere Studien haben belegt, dass bereits jetzt rund ein Drittel der Bürger in Europa soziale Medien in Notfallsituationen nutzt. Rund zwei Drittel der Bürger erwarten von den Behörden eine Präsenz in den sozialen Medien und die entsprechende Nutzung und Verbreitung von Informationen“, erklärt Koch. Auch in den Behörden sei dies mittlerweile bekannt: So geben aktuell 20 Prozent der Behörden an, dass sie soziale Medien nutzen, um das jeweilige Situationsbewusstsein zu steigern. „Aber über die Hälfte der befragten Behörden denkt, dass sie Social Media in Zukunft definitiv nutzen sollten“, ergänzt der Experte.

Vergleichbare Entwicklungen seien auch beim Teilen von Informationen und der Kommunikation mit den Bürgern zu beobachten. Die größten Bedenken, die Bürger und Behörden in Bezug auf soziale Medien haben, betreffen den Datenschutz und sogenannte „Fake News“. Auch hier setzt EmerGent bereits mit seinen Handlungsempfehlungen an, was in Zukunft allerdings noch verstärkt betrachtet werden müsse, so Koch.

Künftig soll das System bei einzelnen Anwendern im Realbetrieb genutzt und aus den Handlungsempfehlungen Vorschläge für internationale Standards abgeleitet werden.

Quelle: https://www.uni-paderborn.de/nachricht/85465/