Handlungen anderer verstehen

Zwei Kinder

Wenn man jemanden dabei beobachtet, wie er oder sie etwas tut, mutmaßt man über die Gründe für diese Aktion. Auf welchen Gehirnstrukturen dieses Verständnis beruht, wie die diesem Verständnis zugrunde liegende kognitive Architektur adäquat beschrieben werden muss und wie Kinder lernen, die Gründe anderer zu verstehen, untersucht ein internationales Forscherteam aus Deutschland, Österreich und der Schweiz in einem neuen interdisziplinären Projekt.

Die Deutsche Forschungsgemeinschaft, der Schweizerische Nationalfonds und der österreichische Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung fördern das Vorhaben mit dem Titel „Die Struktur und Entwicklung des Verstehens von Handlungen und Gründen“ mit insgesamt rund 1,2 Millionen Euro für drei Jahre.

Ziel des Projekts ist eine umfassende Theorie zu Struktur und Entwicklung der menschlichen Fähigkeit, die Gründe und Handlungen anderer zur verstehen. Dazu sind philosophische und empirische Forschung eng verzahnt, um eine Theorie zu entwickeln und zu testen. Beteiligt sind unter der Federführung von Prof. Dr. Tobias Schlicht auch Prof. Dr. Albert Newen von der Ruhr-Universität Bochum (RUB), Prof. Dr. Josef Perner (Salzburg) und Prof. Dr. Hans-Johann Glock (Zürich).

Was Babys und Kinder verstehen

Das Projekt gliedert sich in drei Teile. Im ersten Teil entwickeln die Forscher eine theoretische Konzeption von Handlungsgründen. Im Zentrum steht hier die Unterscheidung von objektiven Gründen, also Tatsachen, und subjektiven Gründen, sogenannten repräsentationalen Zuständen. Im zweiten Teil entwickeln sie ein Stufenmodell, das erklärt, wie sich unsere Fähigkeit entwickelt, die Handlungsgründe anderer zu verstehen: Zwischen sechs und zwölf Monaten verstehen Kinder zielgerichtete Handlungen anderer zunächst nur anhand von objektiven Gründen, also als Reaktionen auf Tatsachen in der Welt. Ab dem Alter von anderthalb Jahren verstehen sie, dass diese Handlungen dazu dienen, ein Ziel zu erreichen. Erst mit etwa vier Jahren verstehen Kinder, dass Handlungen auch durch subjektive Gründe motiviert sein können, also durch ihre wahren oder falschen mentalen Repräsentationen solcher Tatsachen. Sie sind dann in der Lage, anderen Überzeugungen zuzuschreiben, die eine bestimmte Perspektive auf objektive Tatsachen bedingen.

Die kognitive Architektur

Im dritten Teil entwickeln die Forscher eine Theorie über die kognitive Architektur. Sie gehen dabei aus von einer Theorie mentaler Ordner. Sie erklärt, wie unser Wissen über die Welt und Andere repräsentiert und strukturiert ist und erklärt den Befund, dass Kinder zwischen sieben und fünfzehn Monaten schon falsche Überzeugungen anderer verstehen, aber erst mit vier Jahren dieses Verständnis formulieren können.

„Die Integration von konzeptionellen und empirischen Ansätzen verspricht einen substanziellen Beitrag zu dieser zentralen Debatte der Philosophie“, so Albert Newen und Tobias Schlicht.